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Iwan Karamasow Analyse

Iwans Nihilismus, Zossimas Antwort und die Rolle Alyoshas als stiller Beobachter des Konflikts.

Iwan Karamsow

Inhalt

Revolte & Der Großinquisitor

Glauben erfordert Kraft, und diese Kraft haben zum Beispiel Reiche mehr als Arme. Also ist der Glaube nur für die Starken da? Obwohl genau die Schwachen den Glauben brauchen.

Die Freiheit zum Glauben ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen möchte Gott dich nicht zum Glauben zwingen, weil du aus Liebe glauben sollst. Andererseits ist genau diese Freiheit das, was das Glauben schwer macht: Die Menschen wollen keine Freiheit, sondern Sicherheit. Und Freiheit und Sicherheit sind zwei Dinge, die extrem inkompatibel miteinander sind. Wenn Menschen am Verhungern sind und die Wahl zwischen Freiheit und Brot haben, wollen sie das Brot nehmen. Gott gibt ihnen aber Freiheit.

Außerdem hat Gott uns die Liebe gegeben, ja, aber Iwans Argument ist: Weil Gott die Liebe erschaffen hat, hat er damit gleichzeitig auch die Bosheit erschaffen. Nur weil wir die Liebe kennen, kennen wir auch die Bosheit, also hat Gott beides erschaffen, Liebe und Bosheit. Deswegen sagt er, Gott sei Mitsünder bei jeder Grausamkeit. Er sagt, keine andere Spezies sei zu solchen Bosheiten in der Lage wie die Menschen, und das nur dadurch, dass wir die Liebe kennen und damit im Umkehrschluss auch die Bosheit.

Iwans Philosophie in einem Satz: „Alles ist erlaubt.“ Weil Gott uns so geschaffen und uns die Mittel für beides gegeben hat: Liebe und Bosheit.

Iwan weigert sich, die Welt so hinzunehmen, wie sie ist, selbst wenn am Ende der Zeit alles gut wird, einfach weil Gott so viel unschuldiges Leid zulässt und mitverantwortlich dafür ist. Als Beispiel nimmt er das Kinderleid oder extreme Beispiele von beabsichtlicher Bosheit, um zu zeigen, dass es absolut Unschuldige gibt und diese absolut Unschuldigen trotzdem das Böseste überhaupt erleben. Und dieses Böseste ist nur möglich, weil Gott uns die Liebe gezeigt hat. Gott handelt aus Liebe, aber Iwan kann diese Liebe nicht hinnehmen, weil genau diese Liebe auch der Grund für das Leid ist.

Der Teufelsdialog

Der Teufel macht sich über Iwan lustig. Die komplette Iwan-Situation ist Dostoevskys Antwort auf Iwans Nihilismus. Er widerlegt Iwan nicht, weil Iwan logisch recht hat. Stattdessen sieht man die Konsequenzen von solchem Denken. Und es ist mal wieder mit der Zossima-Philosophie verbunden: Jeder ist an allem schuld.

Iwan hat Fyodor nicht umgebracht, aber er ist trotzdem schuld an seinem Tod, weil er quasi der Auslöser war. Er hat einen gefährlichen Gedanken in die Welt gesetzt: „Alles ist erlaubt.“ Und jetzt sieht er die Konsequenzen und zerbricht daran. Im Prinzip schreit alles „Jeder ist an allem schuld“.

Der Teufel tut eigentlich nicht mehr, als Iwans Philosophie ins Absurde zu schieben und sich über ihn lustig zu machen. Iwan sagt, Gott sei an allem schuld. Zossima sagt, JEDER sei an allem schuld, und nur du kannst diese Kette brechen: Liebe deine Feinde.

Alyoshas Rolle: Zossima vs. Iwan und Kolja

In meinen Augen handelt TBK primär von Zossimas Philosophie vs. Iwans Philosophie, Buch 6 als direkte Antwort auf Buch 5, anders als viele, die Alyosha vs. Iwan sagen. Diese Dynamik ist in meinen Augen aber nicht perfekt, deshalb erkläre ich meine Interpretation der Rolle von Alyosha in TBK.

Iwans Argument

Iwans Argument ist, dass Gott Mittäter an jeder Sünde ist, da er das Gute erschaffen hat, sich selbst als Primärbeispiel des Guten. Damit hat er in der Inversion aber auch das Primärbeispiel des Bösen erschaffen. Kein einziges Tier weiß, was pures Böse ist, der Mensch aber schon.

Zossimas Argument

Zossimas Argument ist, dass jeder schuld an allem ist und nur du persönlich einen Start setzen und die Kette brechen kannst. Du sollst alles und jeden lieben, und du sollst selbst deinen Feinden die Füße küssen, während du am Boden bist, weil nur die Realisation, die der Mensch selbst erlebt, eine wirkliche Veränderung bewirken wird. Nur wenn der Mensch merkt „Ja, ich bin der Schlechteste von allen Schlechten, ich habe diese Liebe doch gar nicht verdient“, nur in diesem Moment wird der Mensch sich für immer ändern.

Die Handlung: Smerdyakov, der Mord und der Prozess

Die Ausgangssituation ist folgende: Smerdyakov wird von Iwan über seine Philosophie unterrichtet und bringt Fyodor aufgrund dieser Philosophie um, „weil ja alles erlaubt ist“. Natürlich ist Iwan nicht derjenige, der Fyodor umgebracht hat, aber genauso wie Gott in Iwans Argument mitschuldig an jeder Sünde ist, ist Iwan nun selbst auch mitschuldig am Mord seines Vaters, da er ja genau diesen gefährlichen Gedanken verbreitet hat.

Mitya, welcher nun aber für den Mord angeklagt und beschuldigt wird, steht trotz seiner Unschuld vor Gericht, und die Anwälte streiten um Mityas Schuld. In diesem Moment bringt Mityas Anwalt ziemlich genau Zossimas Philosophie mit rein. Jeder im Saal stimmt ihm zu: Ja, man sollte Erbarmen haben, ja, der Mensch lernt nur durch eigenes Bemerken der Schuld, ja, man muss barmherzig mit den Menschen sein und an die Menschheit glauben. Dennoch gewinnt am Ende der Staatsanwalt und Mitya wird verhaftet.

Mit anderen Worten: Die Menschen glauben an Zossimas Philosophie, sie wollen alle Zossimas Philosophie, aber in der Realität gewinnt trotzdem immer Iwan, es kommt immer die Strafe. Aber an einem einzigen Punkt, auch wenn dieser sehr klein ist, wurde gewonnen: Alyosha.

Alyosha als Beobachter

Alyosha dient meiner Meinung nach in dieser Geschichte als Beobachter. Man könnte auch sagen, dass Alyosha den Leser widerspiegeln soll. Er beteiligt sich eigentlich nie aktiv argumentativ im Iwan-vs.-Zossima-Argument, sondern er erlebt und lernt dazu, er erlebt beide Seiten. Am Ende von TBK hat Alyosha seine Seite im Argument gesetzt: Als Veranschaulichung gibt es Kolja und die Kinder und die Rede am Stein.

Kolja und das Ende

Kolja ist von Kind an sehr intellektuell getrieben, er liest Bücher, er beschäftigt sich mit Philosophie und Nihilismus. Alles in allem erinnert er stark an Iwan. Er ist noch nicht voll nihilistisch, aber er zeigt schon in seiner Kindheit eine starke Neigung zum Nihilismus, er diskutiert mit Alyosha.

Am Ende von TBK wird der junge Iljuscha beerdigt, der Vater weint schrecklich, es werden sogar Zitate direkt aus Iwans Revolte übernommen: Wie soll der Vater Gott für den Tod seines Kindes verzeihen? Er wird mit der Zeit darüber hinwegkommen, und doch wird er immer „die Stiefelchen seines Sohnes erblicken und wieder in Tränen ausbrechen“. Es ist wieder Iwans Sieg, die Situation ist genau so ausgefallen, wie Iwan sie in seiner Argumentation beschrieben hat.

Und doch haben wir Alyosha, unseren Leser, unsere Hauptfigur, die den Iwan-vs.-Zossima-Diskurs mitbekommen, daraus gelernt und ihren Schluss gezogen hat: Er muss selbst einen Start setzen, jeder Mensch muss von sich aus die Welt ändern. Man darf nicht erwarten, dass die Welt sich ändert, man selbst aber so bleibt, wie man war. Alyoshas Standpunkt und Rede am Ende zeigen genau das: Er hat seinen Standpunkt gezogen und verbreitet diese Philosophie, er erzählt sie wortwörtlich den Kindern und übergibt sie der Zukunft. Unter diesen Kindern befindet sich Kolja, er hat also genau das Problem an der Wurzel gepackt und einen „neuen Iwan“ verhindert.