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Bernardo Soares Analyse (Unfinished)

Bernardo Soares - der passivste Mann der ununterbrochen handelt.

Bernardo Soares

Bernardo Soares und Das Buch der Unruhe: eine Analyse

Inhalt

Handeln, Träumen und die Leere

Soares ist zu schwach zum Handeln, hasst aber das Träumen ebenso. Um der Leere dennoch irgendwie zu entkommen, bleibt ihm nur eines von beidem, also lebt er ein Gemisch aus beidem: Sein monotones Leben verrichtet er auf Autopilot, sein eigentliches Leben findet in den Träumen statt. Das einzige wirkliche Handeln, das ihm bleibt, ist das Schreiben, weil es ihn zu nichts verpflichtet (Non-Commitment).

Das Prinzip: Der Traum über der Realität

Warum handelt er nicht? Weil ihn das Handeln in seinen Augen immer enttäuscht, denn die Vorstellung ist stets besser als das Erleben. Er sagt, sich eine Reise vorzustellen sei immer schöner, als die Reise wirklich zu erleben; Blumen seien in der Vorstellung immer bunter und heller als in Wirklichkeit. Deshalb handelt er nicht, kann und will es auch gar nicht, weil er weiß, dass er ohnehin enttäuscht würde.

Das Schreiben dagegen kann ihn nicht enttäuschen, weil er es nicht um eines Ergebnisses willen tut, sondern einfach, um der Leere zu entkommen. Auch die Prosa ist für ihn eine Form des Träumens: Er nennt sie das Erschaffen eines Universums oder eines Traums, das sich mit anderen teilen lässt. So lebt er das Leben anderer in seinen Träumen und erschafft Figuren, Landschaften, Freunde, Ichs.

Soares als Halbheteronym

Pessoa hat in seinen Schriften rund 70 verschiedene Personen erschaffen, die nach einem bestimmten System funktionieren und argumentieren; teils stritten diese Figuren sogar miteinander. (Auf sie wird weiter unten noch genauer eingegangen.)

Auch Bernardo Soares ist eine von Pessoa erschaffene Figur, aber ein Halbheteronym. Er spiegelt Pessoas Leben wider, jedoch ohne dessen Handlung, Gefühl und Persönlichkeit. Das heißt: Er ist der „Autor”, der in den Träumen lebt, aber er ist nicht Pessoa selbst.

Beruf und Wohnung: die Parallele von Leben und Kunst

Soares lebt nicht sein eigenes Leben, sondern träumt und schreibt von anderen Leben, und sein Beruf als Hilfsbuchhalter spiegelt genau das wider: Er verbucht Transaktionen, die andere tätigen, so wie er Leben aufzeichnet, die er nicht selbst lebt. In beiden Fällen ist seine Tätigkeit das Schreiben, nicht das aktive Teilnehmen; das eigentliche Arbeiten überlässt er seinem aktiven Ich.

Sein Beruf steht dabei für das „Leben”, weil er dort träumt und Material sammelt, seine Wohnung für die „Kunst”, weil er dort das Material aufschreibt. Diese Parallele zwischen Leben und Kunst kehrt im Buch immer wieder. Beruf (das Leben) und Wohnung (die Kunst) liegen an derselben Straße: Sie gehören zusammen und sind doch getrennt, und beide zusammen bilden sein gesamtes Universum.

Und wenn das Büro in der Rua dos Douradores für mich das Leben verkörpert, so verkörpert mein zweites Stockwerk, in dem ich in eben dieser Rua dos Douradores wohne, für mich die Kunst. Jawohl, die Kunst, die in derselben Straße wohnt wie das Leben, jedoch an einem anderen Ort, die Kunst, die das Leben erleichtert, ohne daß es deshalb leichter würde zu leben, die so eintönig ist wie das Leben selbst, nur an einem anderen Ort. Jawohl, diese Rua dos Douradores umfaßt für mich den gesamten Sinn der Dinge, die Lösung aller Rätsel, abgesehen davon, daß manche Rätsel unlösbar sind.

Dieselbe Harmonie zeigt sich im Verhältnis von Natürlichem und Künstlichem:

Die Schönheit eines nackten Körpers wissen nur Kulturen zu würdigen, in denen man Kleider trägt. Scham wirkt auf die Sinnlichkeiten wie ein Widerstand auf die Energie. Die Künstlichkeit verhilft zum Genuß der Natürlichkeit. Was ich genossen habe an diesen weiten Gefilden, habe ich genossen, weil ich nicht hier lebe. Die Freiheit spürt nicht, wer nie unter Zwang gelebt hat. Die Zivilisation erzieht uns für die Natur. Das Künstliche ist der Weg zur Würdigung des Natürlichen.

In der Harmonie zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen besteht die Natürlichkeit der höhergearteten menschlichen Seele.

Übertragen heißt das: Aus der Harmonie zwischen der Arbeit (Natur, Traum, Leben) und der Wohnung (Kunst, Schreiben) besteht seine ganze Welt.

Ein Satz aus dem Zitat macht das Prinzip vom Traum über der Realität noch deutlicher:

Was ich genossen habe an diesen weiten Gefilden, habe ich genossen, weil ich nicht hier lebe.

Der Genuss entsteht also durch Distanz und Fühlen, nicht durch Teilnahme. Das Schreiben ist der Weg, auf dem er das Leben würdigen kann: Er lebt nicht direkt, sondern greift durch die Kunst des Schreibens auf das Leben zu.

Das Heteronym-System: Caeiro, Reis und Campos

Alberto Caeiro, „der Meister”, ist ein Hirte auf dem Land: ungebildet und radikal anti-metaphysisch. Er erkennt nur an, was er sieht, ohne jeden Gedanken dahinter. Er hat Schüler, die er über das „Leben” unterrichtet, und ist damit das komplette Gegenteil von Soares, dem „Künstler”. Auch hier erscheint die Parallele von Leben und Kunst erneut, denn das Leben findet nur innerhalb der Kunst statt, also in Soares’ Träumen und Werken.

Ricardo Reis: Arzt und Monarchist, kühl, diszipliniert und kontrolliert. Schüler von Caeiro.

Álvaro de Campos: Schiffsingenieur und Modernist, erschöpft und nihilistisch, der emotionalste von allen. Ebenfalls Schüler von Caeiro.

Die Zuordnung:

  • Alberto Caeiro = das Leben
  • Álvaro de Campos = das Gefühl
  • Ricardo Reis = der Verstand

Caeiro als „das Leben” ist der Meister, Campos und Reis sind seine Schüler. Gefühl und Verstand sind damit Teil des Lebens und ihm untergeordnet, und sie streiten miteinander; zugleich steht Campos für den Traum und Reis für die Handlung. Über dem „Leben” wiederum steht Soares als „die Kunst”, denn Caeiro ist eine von Soares erschaffene Figur. So kehrt erneut dasselbe System wieder: Die Kunst steht über dem Leben, der Traum über der Realität.

Warum Soares nicht in den Tod geht

Soares will sich nicht umbringen, und zwar aus mehreren Gründen. Erstens sieht er den Tod im Traum als schöner an, als er in der Realität wahrscheinlich wäre, und will auch hier nicht enttäuscht werden. Zweitens wäre ihm schon der Vollzug zu aktiv, denn er ist ohnehin bereits halbtot: Er hat kein eigenes, aktives Leben, sondern nur das Träumen, und den Tod sieht er als bloßen Zustand, von dem er lieber träumt, als ihn zu vollziehen. Drittens würde der Tod ihm nichts nützen, denn sein Wunsch ist nicht zu sterben, sondern nie existiert zu haben.

Das Fragment als Spiegel seiner Person

Auch die Form des Buches ist eine Parallele zu Soares selbst. Er schreibt kein vollständiges Werk, sondern Fragmente über nicht existierende Tatsachen, so wie er selbst unvollständig ist. Dabei wäre ein vollständiges Werk, selbst ein schlechtes, in jedem Fall besser, weil es überhaupt ein Werk ist; ebenso wäre das völlige Verstummen, die vollständige Stille, ein ehrliches Eingeständnis der Unfähigkeit zum Handeln. Soares aber tut weder das eine noch das andere: Er verrichtet eine fragmentierte, halbherzige Sache, die er ganz monoton und automatisch niederschreibt.

Der Wille und das Ziel der Nicht-Existenz

Soares gilt als der Nicht-Handelnde schlechthin: ein Hilfsbuchhalter, der das Minimum tut und sein eigentliches Leben im Traum und im Beobachten führt. Sein erklärtes Ziel ist es, nicht zu existieren, sondern nie existiert zu haben, das Ich auszulöschen und nur noch reiner Träumer zu sein, aufgespalten in mehrere, eine bloße Bühne, losgeworden von Existenz und Verstand. Genau das liest sich wie das Gegenteil von Handeln. Es ist aber der Nachweis dafür.

Schopenhauers Willensfalle

Der Ausgangspunkt ist die Schopenhauer’sche Tretmühle: Der Wille ist Mangel, und das „Bekommen” zerstört gerade das eigentliche Es-haben-Wollen. Erfüllung tötet den Wunsch, der sie trug, und gebiert sofort den nächsten. Schopenhauers Ausweg wäre, den Willen ganz stillzulegen, also Askese, Quietismus. Das wäre der echte Nicht-Handelnde.

Sollte ich eines Tages das Kreuz meiner Absichten auf den Kalvarienberg tragen können, werde ich einen Kalvarienberg auf dem Kalvarienberg vorfinden und Sehnsucht verspüren nach der Zeit, als er für mich noch nichtig, müßig und unerreichbar war. Ich werde in gewisser Weise weniger sein.

Soares nimmt den anderen Ausgang. Er schaltet den Willen nicht ab, er richtet ihn auf ein unmögliches Objekt. Ein Ziel, das man nie erreicht, kann man ewig wollen, und Erreichen wäre bei ihm ohnehin Reduktion. Das ist dasselbe Prinzip wie zuvor beim Traum über der Realität, nur auf den Willen selbst gewendet: Wie die vorgestellte Reise das wirkliche Erleben schlägt, so schlägt das unerreichte Ziel jedes erreichte. Die Kalvarienberg-Stelle sagt es wörtlich: Ankommen hieße, „in gewisser Weise weniger sein”. Er wählt also das eine Ziel, dessen Nicht-Erreichbarkeit es unendlich hält.

Wir sollten stehts das Unmögliche suchen, denn dies ist unser Geschick; wir sollten es mit Hilfe des Unnützen suchen, denn kein Weg führt daran vorbei; wir sollten uns zu dem Bewußtsein aufschwingen, daß wir nichts suchen, was wir finden könnten, und daß nichts auf unserem Weg eine Zärtlichkeit oder wehmütige Erinnerung verdient.

Das ist kein Verzicht aufs Wollen, sondern Wollen als reine Form, entleert von erreichbarem Inhalt. Der Wille lernt, sich von der eigenen Frustration zu nähren, statt an Befriedigung einzugehen.

Das unmögliche Ziel schlechthin

Sein Kernwunsch, nie gewesen zu sein, das Ich zu tilgen, ist dabei das strukturell unmögliche Ziel überhaupt. Das Wollen der eigenen Auslöschung wird von einem seienden, wollenden Ich vollzogen und setzt damit genau die Existenz wieder, die es tilgen soll. Erfolg bräuchte ein Wollen, das die eigene Auslöschung überlebt.1 Geht nicht. Der Motor läuft per Konstruktion, ewig, ohne Ankunft.

Selbst das Verstummen-Wollen kommt bei ihm nur als Wille heraus, der sich rekursiv weiterwill. Er kann den Willen nicht einmal abwollen. Das schwächt die These nicht, es besiegelt sie.

Zielen, nicht Ziel

Wer ihn für einen Nicht-Handelnden hält, verwechselt das Ziel mit dem Zielen. Der Stillstand, das Nicht-Sein, die Bühne, das ist bloß das Objekt. Das Verfolgen ist Tun. Sogar die scheinbar passivste Szene fällt auf diese Seite: „ich durchblättere inwendig ein Buch und entwickle eine nie zu Ende gedachte Idee.” Bilder ziehen vorüber, aber entwickeln ist Produktion, und nie zu Ende ist wieder das unmögliche Objekt.

Weil er metaphysisch nichts erreichen kann, macht er seine Seele zum Schauspiel, und ist genau darin kein Mann der Tat, aber sehr wohl ein Handelnder: einer, der pausenlos will und dessen einziges Werk darin besteht, jedes vollendbare Werk zu verweigern.

Footnotes

  1. Genau hier liegt der Unterschied zu echter Askese: Der Asket will das Nicht-Wollen und kommt (idealiter) dort an. Soares kann dort nie ankommen, weil sein Ankommen-Wollen selbst ein Wollen bleibt.